Author Topic: We will all grow up, won't we?  (Read 223 times)

Offline Poppie

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We will all grow up, won't we?
« on: April 26, 2016, 02:04:08 am »
Man schreibt den 24. April 2016. Irgendein verregneter Tag im April, der seinem Namen alle Ehre macht. Schnee, Regen, Sonne, Wind, Sonne, Regen, Hagel, Sturm, Sommer, Herbst, Winter, alles an einem Tag.
In der Anstalt ist es indes ruhig geworden. Die Insassen haben ihre Zellen überwiegend verlassen, manche schauen nur noch selten rein, verharren manchmal kurz auf den Fluren, sitzen eine Weile im Aufenthaltsraum, während ein verlorenes Bonbonpapier mit der Fingerspitze über den staubigen Boden geschoben wird. Andere wiederum, sind gänzlich verschwunden. Geheilt. Gesund. Zurück in der realen Welt, der wirklichen Welt, der grausamen Welt. Nur die Hinterlassenschaften der einstigen Bewohner erinnern daran, dass dieser Ort einst voll mit Leben erfüllt war. Die Nachtschwester dreht schon lange nicht mehr ihre Runden, zwingt niemanden mehr, die lustigen Pillen zu schlucken, von denen einem ganz anders wird. Die Flure, die schon damals gruselig waren, sind heute nur noch leer und dreckiger als je zuvor. Und trotzdem: Es könnte ebenso gut sein, dass dieser Ort bloß schläft. Ein tiefer und traumloser Schlummer aus dem er irgendwann erwacht und dann ist alles wie immer: Madness all around. Musik überall, herumtollende Insassen, herumfliegende Kissen, Muffins und Bonbonpapier. Und Stockings! Oh die Stockings! Vereinzelt kann man sie noch finden, man muss nur den beinah unsichtbar gewordenen Fußspuren auf den Fluren folgen, irgendwann findet man sie... die geringelten Socken, die zur Anstaltsuniform dazugehörten wie die tägliche Medikamentengabe.
Setz' dich hin, in einen der Gänge und lausche. Kannst du es hören? Das leise Spiel des Cembalos? Hörst du die Klänge von Mad Girl? Thank God I'm Pretty? Asleep? Schliess die Augen, lass' dich drauf ein. Nimm' einen tiefen Atemzug und lass dich zurückversetzen in die Zeit, in der das hier dein Zuhause war.
Ein selbsterschaffenes Zuhause, zusammen mit vormals Fremden, die jetzt Freunde geworden sind. Die an jenen Gedanken teilhaben durften, an denen sonst niemand teilhaben durfte, schon gar nicht die von "draußen".
Draußen war ein gefährlicher Ort. Voll mit Überforderung, Angst, Unsicherheit. Das ist es auch nochimmer. Das allgegenwärtige Gefühl, der Welt nicht gewachsen zu sein, den Anforderungen, die sie an einen stellt und den Dingen, die sie für einen bereithält. Niemand weiß, was kommen wird.
Schon lange ist es still in den Anstaltsfluren. Das wilde Gekicher ist verflogen. Das leise Flüstern in den Nächten ist erloschen, wie eine Kerzenflamme, die man ausgeblasen hat. Niemand ist mehr hier. Und immer, wenn sich doch jemand herverirrt, auf der Suche nach Stücken der Vergangenheit, Erinnerungen, Sicherheit oder ein bisschen Zuspruch, dann bleibt er allein. Dort, wo sonst immer jemand war, wo immer jemand kam und immer jemand offene Ohren, Arme und Augen hatte, ist niemand mehr - nicht einmal die Ratten, für die diese Hallen einst ein riesiges Königreich war.
Nach und nach verlor man sich. Man hielt sich irgendwie aneinander fest, durch dieses "Buch". Es erschien, als sei man sich näher durch die Aktualität, die gegeben war, sofern man sie nutzte. Aber auch das schönste Poesiealbum verhindert nicht, dass sich Wege trennen und vielleicht sogar verlieren.
Geht man durch die Flure dieses Gemäuers, schaut man auf die Fotos jener, die hier lebten, stellt man fest, dass Viele davon heute keinerlei Verbindung mehr zueinander haben. Alles was einst gemeinsam war, ist es nun nicht mehr. Ein Gefühl von Unbehagen macht sich breit. Nostalgie, ein wenig.
Selbst die, die in Verbindung stehen, tun es eigentlich nicht. Man kennt sich noch. Da war mal etwas. Doch es ist nicht mehr wichtig.
Manche sehen sich ab und zu. Andere haben regeren Kontakt, aber nur wenige. Und widerum Andere, haben ihren einstigen engen Kontakt ganz verloren.
Anstatt in einer gemeinsamen Welt zu leben, lebt jeder in seiner eigenen und für eine gemeinsame wie diese hier, ist kein Platz mehr. Nicht im Terminplan, nicht im Kopf und nicht im Herzen.
"Never grow up" heißt es da. Well, maybe we have to even if we don't want to.
Meds or Madness?
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